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Museum Brandhorst

Kunstareal München
Theresienstraße 35 a
80333 München
Postanschrift: Türkenstraße 19
Tel. 089 23805-2286
Di - So 10 - 18, Do 10 - 20
www.pinakothek-der-moderne.de
aktuelle Ausstellung / current exhibition
vorausgegangene Ausstellung / previous exhibition

 

24.11.2010 - 06.03.2011

Isaac Julien

Ten Thousand Waves

 

Neue Videoarbeit von Isaac Julien

Deutschlandpremiere von "Ten Thousand Waves" im Museum Brandhorst

 

München, 15. März 2011 | Die Stiftung Udo und Anette Brandhorst hat sich an der Finanzierung einer neuen Arbeit von Isaac Julien beteiligt, die 2010 vollendet wurde und die ab dem 29. März 2011 erstmals in Deutschland im Museum Brandhorst zu sehen sein wird.

 

Es handelt sich bei Ten Thousand Waves um ein 9-Kanal-Video-Installation, an der der Künstler fast 4 Jahre gearbeitet hat. Die entscheidenden Filmaufnahmen entstanden in China, und zwar in Zusammenarbeit mit einer Reihe international bekannter Schauspielerinnen wie der legendären Maggie Cheung oder Zhao Tao. Der Videokünstler Yang Fudong tritt ebenso auf wie der Dichter Wang Ping oder Gong Fagen, ein Großmeister der Kalligraphie.

 

Ausgangspunkt war für Julien eine chinesische Legende über die Göttin Mazu, deren besondere Fähigkeit darin bestand, auf hoher See in Gefahr geratene Seeleute wieder ans sichere Ufer zu geleiten. Aufnahmen alter Bilder rufen diese Geschichte in Erinnerung, aber Julien versetzt die Gestalt, dargestellt von Maggie Cheung, in das heutige China, wobei immer wieder tosende Verkehrsströme Shanghais ins Bild kommen, dann aber auch wunderbare Flusslandschaften, gesäumt von Bambuswäldern und Sandsteingebirgen, in denen sich einige Flussschiffer verirrt haben. Ein zweiter Erzählstrang konzentriert sich auf den Tod von 23 Chinesen, die illegal nach England eingereist waren und sich als Muschelsammler verdingt hatten. Unerfahren mit den Gezeiten des atlantischen Ozeans, kamen sie 2005 bei einer Springflut ums Leben. Mazu konnte hier nicht helfen. Nur in einem großen Medienecho "überlebte" das tragische Unglück. Eine dritte Ebene manifestiert sich in Sequenzen, die sich auf die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beziehen, als Shanghai einen Sonderstatus hatte, so dass hier bedeutende Filme produziert werden konnten, so u.a. The Goddess, der das Schicksal einer jungen Frau nachzeichnet, die, arbeitslos geworden, zur Prostituierten wird, um sich und ihr Kind durchbringen zu können. In Juliens Version, die die Atmosphäre der 30er Jahre vergegenwärtigt, spielt Zhao Tao diese Rolle.

 

Durch Fragmentierung der Sequenzen, Verdopplung bzw. Vervielfachung der Bilder auf den 9 transparenten Projektionsflächen und deren räumliche Versetzung hat Isaac Julien ein komplexes Gesamtkunstwerk geschaffen, das durch die Kombination mit einer aufwändigen Lautkulisse zusätzliche Faszinationskraft gewinnt. So verwirrend die Ineinanderblendung von Aspekten chinesischer Kultur und Geschichte bzw. zeitgenössischen Ereignissen auf den ersten Blick auch erscheint, es gibt einen strukturierten Ablauf über die Gesamtlaufzeit von 55 Minuten. Eingeschrieben ist diesem vielschichtigen Ensemble unterschiedlicher Erzähl- und Darstellungsweisen insofern auch die Reflexion über das von Julien benutzte Medium Film, als immer wieder gezeigt wird, wie Maggi Cheung zum Schweben gebracht wird bzw. wie die historischen Episoden in Szene gesetzt wurden.

 

Mit Ten Thousand Waves setzt Julien konsequent fort, was bereits für in seine früheren Arbeiten charakteristisch war (darunter Western Union / Small Boats in der Sammlung des Museums Brandhorst). Durchgängig thematisieren seine Video-Installationen ästhetische, soziale und psychische Aspekte unterschiedlicher Lebenswelten, wobei die westlich geprägten Vorstellungen von Weltkultur durch seine afro-karibische Sicht teils in Frage gestellt, teils auch neu formuliert werden. Es ist gleichsam eine Verschränkung post-kolonialer Strategien mit post-strukturalistischen Ansätzen, die dem Oeuvre von Isaac Julien im Spektrum der zeitgenössischen Kunst eine herausragende Rolle zuweisen.

 

Pressekonferenz: 29.03.2011, 11.00

Eröffnung: 29.03.2011, 18.30 RT Gallery,

 

 

Neu im Museum Brandhorst: David Claerbout und Barbara Hammann
München, 02. Februar 2012

David Claerbout und Barbara Hammann bedienen sich der filmischen Erfassung derselben europäischen Kulturlandschaft, um zu ganz unterschiedlichen künstlerischen Aussagen über das Verhältnis von Zeit und Raum und die Befindlichkeit des Menschen in beidem zu gelangen.
Mit "Riverside" von David Claerbout (*1969) stellt die Sammlung Brandhorst ihre jüngste Neuerwerbung im Bereich der Neuen Medien vor. Der belgische Video-Künstler greift mit der Zweikanalarbeit bewusst kunsthistorische Themen auf, die er jedoch verfremdet und auf ungewöhnliche Weise vergegenwärtigt. In "Riverside" ist es die Tradition der europäischen Landschaftsmalerei, die ihm als Hintergrund einer Reflexion über die Struktur von Zeit- und Raumerfahrung dient. Das manifestiert sich im Gehen und Verweilen und im Sehen und Hören, wobei die Aspekte von Bewegung und Wahrnehmung an zwei Personen delegiert und anschaulich gemacht werden. Um der Plausibilität willen bedient sich Claerbout eines Narrativs, das er auf zwei nebeneinander platzierte Filme und getrennte Tonspuren verteilt. Während die Bilder gleichzeitig wahrgenommen werden können, empfängt der Betrachter das jeweilige akustische Geschehen nur über Kopfhörer.
Die Geschichte ist denkbar einfach: Ein junger Mann hat einen Fahrradunfall und ruft in der Einsamkeit per Handy um Hilfe. Eine junge Frau (seine Freundin?) nimmt den Anruf entgegen, steigt ins Auto und fährt in das abgelegene Tal. Da dort von dem Verunglückten nichts zu sehen und zu hören ist, macht sie sich auf die Suche, während er seinerseits in der Annahme, es komme niemand, bereits davon gehumpelt ist. Beide durchstreifen das beschaulich anmutende Gelände und folgen einem sich durch das Tal schlängelnden und gluckernden Bach. Beunruhigung und Schmerz beeinträchtigen jedoch den Blick auf die schöne, geläuterte Natur. Zu verschiedenen Zeiten gelangen sie an dieselben Stellen, verweilen beispielsweise länger auf einem über das Wasser gelegten Baumstamm, treffen sich jedoch nicht und gehen in verschiedenen Richtungen davon.
Das alles erscheint, je länger der Film andauert, zunehmend unwahrscheinlich. Die so liebliche Landschaft gewinnt allmählich unheimliche Aspekte, und zwar ganz besonders, als Mann und Frau nacheinander auf eine verlassene Hütte mit einer blutenden Jagdbeute im Innern stoßen. Sie geistern ratlos und entmutigt weiter durch das spätherbstliche Land, ohne Ziel und ohne Chance, einander zu finden. Ihre Blicke richten sich auf Nahes oder Fernes und erfassen lauter Bilder, die wie Postkarten wirken und alle Klischees traditioneller Landschaftsdarstellungen aufrufen. Und auch akustisch ist ihre Wahrnehmung auf das linke bzw. rechte Ohr beschränkt.
Das Ganze ist von einer nachhaltigen Melancholie grundiert. Um das zu verdeutlichen, wird das Video auf grau getönte Wände projiziert. Die Farben verlieren damit alles Bunte und Strahlende. Die Stimmung ist so durchgängig gedämpft, und auch das macht subkutan deutlich, dass es ein Treffen der beiden, eine Rettung oder ein Happy End nicht geben wird. Insgesamt ist "Riverside" eine Reflexion über unsere entfremdete Naturerfahrung, in der sich nur widerspiegelt, was sich auch sozial allgemein abzuzeichnen beginnt. Selbst eine so anscheinend unberührte, intakte und im herkömmlichen Sinn schöne Landschaft fungiert nicht mehr als Glücksversprechen. In blitzartig auftauchenden Szenen verkörpern sich nicht nur latentes Unbehagen, sondern auch Unglück (der Unfall), Hilflosigkeit (die Protagonisten verfehlen einander), Isolation (die gekappte Akustik), Tod (der Tierkadaver) und nicht zuletzt Einsamkeit (die verlassene Hütte, vor der die Wäsche baumelt). Das alles bündelt Claerbout zu formaler Stringenz und ästhetischer Präsenz von großer Eindrücklichkeit.

 



Zum Tode von Mike Kelley (1954-2012)
Pinakothek der Moderne und Museum Brandhorst

Mit großer Bestürzung und Trauer haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und die Udo und Anette Brandhorst Stiftung den frühen Tod des amerikanischen Künstlers Mike Kelley aufgenommen. Kelley zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Künstlern seiner Generation weltweit. Mit seinen Aktionen, Skulpturen, Malereien, Videos und Installationen verstand er es wie kein Anderer, so unverwechselbare wie treffende Bilder für die Werte, Traumata und Psychosen der westlichen Gesellschaft zu erschaffen. Dabei ging es Kelley in seiner Arbeit stets um die gleichberechtigte Einbeziehung des als minderwertig Angesehenen und Verdrängten. Seine eigenen Vorstellungen fand Kelley in der Ursprünglichkeit der Subkulturen wieder, vor allem in der Musikszene, wo seine kreativen Energien Resonanz erfuhren.
Mit von der Decke hängenden Klumpen aus zusammengeballten benutzten und verschmutzten Stofftieren trat Mike Kelley Ende der 1980er Jahre ins Blickfeld der internationalen Kunstöffentlichkeit. Zielsicher trafen diese Arbeiten einen zentralen Nerv individueller wie kollektiver Erfahrung, indem sie in einen bislang tabuisierten Bereich, die Familie, vorstießen, wo die Fundamente für alle späteren Mechanismen sozialen Agierens gelegt werden.
Seinen ersten institutionellen Auftritt in Europa hatte Mike Kelley 1995 in München. Das Haus der Kunst zeigte in Kooperation mit dem New Yorker Whitney Museum die erste Retrospektive auf sein Schaffen. Es folgten Präsentationen in der Pinakothek der Moderne (2004, 2008, 2011) sowie eine Übersichtsausstellung in der Sammlung Goetz (2008). Nicht zuletzt dank der Sammlungen von Udo und Anette Brandhorst sowie von Michael und Eleonore Stoffel befinden sich die meisten Werke des amerikanischen Künstlers in Deutschland in Münchener Besitz. In den hiesigen öffentlichen Kunstsammlungen wird daher die künstlerische Stimme von Mike Kelley auch weiterhin und dauerhaft eine herausragende Rolle spielen.

 
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