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Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster

Hafenweg 28
Di - Fr 14 - 19 Uhr, Sa/So 12 - 18 Uhr
kulturamt@stadt-muenster.de
www.muenster.de/stadt/ausstellungshalle
vorausgegangene Ausstellung / previous exhibition

 

01.11. 2008 - 11.01. 2009

VIDEO PERFORMANCE

Modelle der Selbstbetrachtung

Drehbücher für das Auge der Kamera


Video Performance ­ das ist mehr als das filmische Dokument einer performativen Handlung. Surreale Labore, Wunderkammern oder schlichte Atelierräume, einfache Versuchsanordnungen oder komplexe und poetische Geschichten ­ die neueren Video-Performance-Drehbücher sind für das Auge der Kamera geschrieben: sie sind hochprofessionell und technisch ausgefeilt und grenzen sich gegen die grob-pixelige YouTube-Ästhetik ab. Die Präsentation in der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster lenkt die Aufmerksamkeit auf mediale Experimente und künstlerische Aktionen, die einer ganz spezifischen Produktionsweise folgen und daraus eine eigenständige Ästhetik ableiten ­ seit ihren Anfängen bis heute.
Die Ausstellung "VIDEO PERFORMANCE ­ Modelle der Selbstbetrachtung" nimmt eine starke Fokussierung auf die Modellhaftigkeit des Genres vor und präsentiert in einer eigens dafür konstruierten Ausstellungsarchitektur selten gezeigte historische Videos neben jüngsten Positionen der Videokunst. Sie ist eine Kooperation der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst Münster mit dem Gastkurator Georg Elben (Köln), Leiter der Videonale Bonn. Das Ausstellungsprojekt wird parallel im ethnologischen Museum ­ Nationalmuseum Poznan als Teil der Mediations Biennale in Poznan/Polen gezeigt.

Versuch einer Definition

Der Versuch, "Video Performance" zu definieren, ist auch ein Versuch, Gemeinsamkeiten der frühen und der zeitgenössischen Positionen herauszuarbeiten. Eine Gemeinsamkeit ist das Vollziehen einer Handlung oder das Inszenieren einer Geschichte vor laufender Kamera durch den Künstler selbst oder einer Gruppe von Akteuren. Die körperliche Präsenz des Künstlers ist dabei eng verbunden mit seinem psychologisch-emotionalen Zustand und ist zugleich auch immer ein Dialog mit der laufenden Kamera. Der technische Versuchsaufbau beeinflusst die Umsetzung also immer schon mit, als unablösbare Determinante. Entscheidend dabei ist das Moment der phänomenologischen Erkundung, das Aufspüren der Identität in Akt des ­ manchmal auch extremen ­ körperlichen Erlebens, in konkreter Erfahrung von Raum und Zeit. Im Gegensatz zur dokumentarischen Erfassung einer Performance ist die "Video Performance" für das Auge der Kamera gemacht. Das Genre "Video Performance" schafft damit Dokumente medialer Authentizität, exhibitionistischer Einsamkeit und ironischer Intimität, die sich, historisch betrachtet, zu einer Art ,Archiv der Basis-Erfahrungen' zusammenfassen lassen. Diese Basis-Erfahrungen können körper-erotisch, sportlich, spielerisch, aber auch politisch sein, wie die beiden Video Performances ­ Mike Smith, "Go For it, Mike" (1984), als historische Position und Paul Wiersbinski, "Mystic Powers Help The World Reveal The True Artist" (2007), als zeitgenössische Position zeigen ­ und damit das politische Reflexionsvermögen des Genres herausstellen.

Die besondere Position des Betrachters

Im Betrachter erzeugt das Video einen ambivalenten Eindruck. Das Gefühl des Vergänglichen verbindet sich mit der Erfahrung der Zeitlosigkeit. So wird beispielsweise der Endlos-Loop in der Präsentation zu einem Mittel der Bedeutungssteigerung. Der Betrachter wird bis zur Schmerzgrenze mitgenommen und sieht sich der Basis-Erfahrung des Künstlers ausgesetzt. Ein gutes Beispiel hierfür ist Magdalena Abramovics Video Performance "Art must be beautiful Artist must be beautiful" (1975), Bruce Naumans "Flesh to White to Black to Flesh", Jaan Toomiks "Father and Son" (1998) oder als zeitgenössische Position die "Sirene" (2007) von Freya Hattenberger. Im Gegensatz zur direkten Wirklichkeitserfahrung des Formats "Fernsehen" konfrontiert die "Video Performance" den Betrachter unmittelbar und essentiell mit Fragen der persönlichen Identität, die der Künstler für ihn stellvertretend vollzieht.

Versuch, historische Kontinuität zu begreifen

Der historische Überblick der Ausstellung zeigt, wie sich das stets aktuelle Thema der menschlichen Identität trotz festgelegter künstlerischer Versuchsanordnung und festgelegter Perspektive stets neu formiert und in seiner Unerschöpflichkeit als künstlerisches Genre neu erfindet. Insbesondere die Ästhetik der Live-Performance, verbunden mit der phänomenologischen Fragestellung minimalistischer Ästhetik und mit ihren technischen Möglichkeiten unmittelbarer Bildproduktion macht die Kamera zu einem medialen Format, das den Körper des Künstlers in den Mittelpunkt stellt. Die Begrenzung des Kameraobjektivs ist damit gewissermaßen der Rahmen, der den Bildausschnitt vorgibt und der an eine Annäherung an das Künstlerselbstbildnis denken lässt.

Video Performance und begehbare Skulptur: Bruce Nauman

Die Ausstellung "VIDEO PERFORMANCE ­ Modelle der Selbstbetrachtung" bietet auch eine Auseinandersetzung mit dem performativen Aspekt der frühen Videogeschichte. Die frühen experimentellen Videos von Bruce Naumann gelten als kunsthistorisch wichtige Beiträge zur Entwicklung einer Ästhetik, die die phänomenologischen Erfahrungen des menschlichen Körpers in Raum und Zeit thematisiert. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist die Verbindung der gezeigten Video Performance von Bruce Naumann mit der 2007 im Rahmen der "skulptur projekte münster" realisierten (bereits 1977 entworfenen) 25 mal 25 Meter großen Skulptur "Square Depression" (Quadratische Senkung) im Naturwissenschaftlichen Zentrum der Universität Münster. Bruce Nauman vollzieht im gezeigten Video Performance "Flesh to White to Black to Flesh" körperliche Basis-Erfahrungen (er schminkt sich, um sich wieder abzuschminken), die er filmisch festhält und so für den Betrachter zugänglich macht. In der begehbaren Skulptur in der Wilhelm-Klemm-Straße in Münster eröffnet Bruce Naumann dem Betrachter nun einen realen Raum, den er selbst betreten muss, um Zugang zur phänomenologischen Basis-Erfahrung zu erlangen.
Die seit 2007 in Münster realisierte Arbeit verbindet sich damit in besonderer Weise mit den zeitgenössischen Selbstexperimenten der jungen Videokünstler im Zeitalter medialer Vermittlung. Sie ermöglicht eine Erfahrung, die als paradigmatisch gelten kann: die unvermeidbare Veröffentlichung des Privaten, die das physische Wesen Mensch nicht als Ausgangspunkt der Erkenntnis, sondern als Konsumträger begreift und in dieser Lesart eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst im öffentlichen Raum insgesamt erlaubt.

VIDEO PERFORMANCE - Aktuelle Positionen

Marc Aschenbrenner
1971 geboren in Linz, Österreich, lebt in Berlin
"Die zweite Sonne", 2005 (7 min)
Courtesy Galerie Olaf Stüber, Berlin

Andrew Cooke
1982 geboren
"Under working conditions", 2006 (2.25 min)

Harry Dodge geboren 1966, lebt in Los Angeles
& Stanya Kahn, lebt in Los Angeles
"Whacker", 2005 (7.07 min)
Courtesy Elizabeth Dee Gallery, New York City

Patricija Gilyte
1972 geboren in Kaunas, lebt in München
"Rücksicht / heed 360° ", 2004 (3.17 min)

Freya Hattenberger
1978 geboren in Offenbach/Main, lebt in Köln
"Sirene", 2006 (3.30 min)

Nadja Verena Marcin
1980 geboren in Würzburg, lebt in New York
"Miss Ion Troja X", 2007 (8 min)

Bjørn Melhus
1966 geboren in Kirchheim/Teck, lebt in Berlin
"Auto Center Drive" , 2003 (28 min)
Courtesy Galerie Anita Beckers, Frankfurt

Stefanie Ohler
1981 geboren in Bielefeld, lebt in Mainz
"Der Versuch des Schmetterns", 2007 (8 min)

L.A. Raeven
1971 geboren in Heerlen, leben in Amsterdam
"Love knows many faces", 2005 (6 min)
Courtesy Ellen de Bruijne Projects, Amsterdam

Johanna Reich
1977 geboren in Minden, lebt in Köln
"Linie / Line", 2008 (1 min)

Ene-Liis Semper
1969 geboren in Talinn
"Lullaby", 2005 (3 min)
Courtesy Art Agents Gallery, Hamburg

Jaan Toomik
1961 geboren in Tartu, lebt in Talinn
"Father and Son", 1998 (2 min)

Mariana Vassileva
1964 geboren, lebt in Berlin
"Tango", 2007 (0.45 min)
Courtesy DNA, Berlin

Richard T. Walker
1977 geboren in Shropshire, lebt in London
"It's hard to face that open space", 2004 (2.52 min)
Courtesy Galeria Dels Angels, Barcelona

Paul Wiersbinski
1983 geboren in Halle/Saale, lebt in Frankfurt am Main
"Mystic Powers help the Word reveal the True Artist", 2007 (19 min)

VIDEO PERFORMANCE - Klassiker

Marina Abramovic
1946 geboren in Belgrad, lebt in Amsterdam
"Art must be beautiful, Artist must be beautiful", 1975 (14.05 min)

Sanja Ivekovic
1949 geboren in Zagreb, lebt in Zagreb, Kroatien
"Instructions No 1", 1976 (6 min)

Bruce Nauman
1941 geboren in Fort Wayne, Indiana
"Flesh to White to Black to Flesh", 1968 (51 min)

Michael Smith
1951 geboren, lebt in Austin, Texas
"Go For it, Mike", 1984 (4.40 min)

Klaus vom Bruch
1952 geboren in Köln, lebt in München
"Das Alliierten Band", 1982 (10.29 min)

 

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