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NGBK

Oranienstr. 25
10999 Berlin-Kreuzberg
Tel. 030 - 615 303; Fax 030 - 615 22 90
täglich 12 - 18.30 Uhr
vorausgegangene Ausstellung / previous exhibition

 

 

7.9. - 13.10. 1996


Die bleichen Berge

Fotografien von Walter Niedermayr

Walter Niedermayrs Fotoprojekt "Die bleichen Berge" ist einer exemplarisch industrialisierten, hochalpinen Landschaft gewidmet:

Diese spektakulären Gebirgsformationen sind Hauptwerbeträger des Tourismus. Damit erklärt sich der große Besucher- und Urlaubsandrang zu jeder Jahreszeit, der mit keinem anderen Ort Europas vergleichbar ist. Die Konsequenz: eine alpine Agrarlandschaft hat sich innerhalb von fünfzig Jahren zu einem industrialisierten Freizeitpark gewandelt. Die Landschaft wird zu einer Kulisse, in der sich die Menschen als Akteure und Zuschauer zugleich bewegen.
Walter Niedermayrs Fotoarbeiten sind keine reine Dokumentation dieser Entwicklung. Bildsequenzen und Bildsprünge akzentuieren tatsächliche oder vermutete Brüche im Gefüge der Landschaft nicht weniger als in jenem der Wahrnehmung. Wie damals, als die Alpen erstmals als Ort ins Bewußtsein der europäischen Sinn- und Bildersucher rückten, ist das, was wir sehen, eine mentale Konstruktion. Niedermayr schärft unseren Blick für Zusammenhänge. Vorgeblich leidenschaftslos hält er in Wirklichkeit einen für Blindheit anfälligen Schmerz in Bildern fest und verhilft so den Betrachtern zu produktiver, weil komplexer Einsicht.

"Dem Künstler Walter Niedermayr geht es um eine subtile und differenzierte Spurensicherung und um eine nuancierte Wahrnehmungsarbeit, die im Zusammenhang mit den Landschafsveränderungen auch das Verschwinden des Sichtbaren registriert. "(Carl Aigner) Gerade die selbst auferlegte visuelle Zurückhaltung dieser Bilder, ihre blasse, Fiktion und Wirklichkeit gleichermaßen abweisende Farbigkeit, die Banalität ihrer Motive, die sich gegen jede erzählerische Logik sperrenden Perspektiven und Übergänge: sie machen dieses Verschwinden nachvollziehbar. Oberflächen und Topographie bestätigen den Augenschein äußerer und innerer Gefährdung. Sicher ist nunmehr eines: der Zersetzungsprozeß wird weitergehen auch ohne Bilder.

Abgesehen von dem ästethischen Genuß, zeigt die NGBK diese Arbeiten in Berlin, weil Berlin immerhin den mitgliederstärksten Alpenverein hat. Diese Ausstellung reiht sich in eine fotografische Auseinandersetzung zum Thema Reisen ein, die ihre Fortsetzung in der Ausstellung "Begrenzte Grenzenlosigkeit" im Oktober hoben wird.

Walter Niedermayr, 1952 in Bozen geboren, lebt und arbeitet dort als Architekturfotograf für die autonome Provinz Bozen; seit 1987 Ausstellungen in verschiedenen Ländern; 1995 erhielt er für Arbeit "Die bleichen Berge" den Europäischen Fotopreis der Deutschen Leasing AG.

Ausstellung und Buch "Die bleichen Berge" sind von der AR/GE Kunst Galerie Museum Bozen produziert und veröffentlicht worden. Das in der Edition Raetia Bozen erschienene Buch (mit Textbeiträgen von Earl Aigner und Wolfgang Fetz) ist in der Ausstellung zum Preis von 48 DM erhältlich.

Die Ausstellung wird vom Istituto Italiano di Cultura in Berlin unterstützt.

 

 

 

7.9. und 8.9. 1996


Oliver Siebeck

A Finnegans Week


Infos: http://ourworld.compuserve.com/homepages/isaac_gallery

 

 

 

31.8. - 29.9. 1996


Beth B

Under Lock and Key

Audiovisuelle Rauminstallation



Eine Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK)
im Podewil, Klosterstraße 6870, 10179 BerlinMitte (U2 Klosterstraße), Tel. 24749732



Dienstag bis Freitag 14 - 20 Uhr sowie am Samstag, dem 14. und Samstag und Sonntag, den 21. und 22. September

Die Videos sind in englischer Sprache. Eine deutsche Übersetzung liegt aus.
Organisation: AG Exkurse der NGBK in Zusammenarbeit mit dem Podewil

"Under Lock and Key" ist eine Leihgabe der Robert J. Shiffler Collection, Greenville, Ohio.

 

 

Under Lock and Key, die Arbeit der New Yorker Filmemacherin Beth B, ist eine raumfüllende, skulpturenhafte Installation zusammen mit Video-Projektionen und Tonaufnahmen. Sie thematisiert Gewalt, Gerechtigkeit, Sühne im Kontext von Gefängnis, Isolationshaft und Todesstrafe. Themen, derer sich erst jüngst auch die Filmproduktion Hollywoods, etwa mit "Dead Man Walking", auf populäre Weise angenommen hat. Under Lock and Key setzt dem eine andere, der Dokumentation verpflichtete Form der audiovisuellen Darstellung entgegen. Die Installation besteht aus vier zu einem Block zusammengefügten metallenen Gehäusen, die an Gefängniszellen erinnern. In den Zellen kann der Ausstellungsbesucher Beschreibungen von Isolation und Gefangenschaft hören, von Fred Ward gelesene Zitate aus den Memoiren des verurteilten Mörders Jack Henry Abbott "ln the Belly of the Beast" (erschienen bei: Random House, New York 1981). Außerhalb sind im Wechsel zwei Videogroßprojektionen zu sehen. Auf der einen Seite berichten fünf Opfer - es sind Tomas Gaspar, Nan Goldin, Philip Horeitz, Robbie McCauley und Jerry Keams - von der Gewalt, die gegen sie verübt wurde. In fast allen Fällen waren die Täter Menschen, denen sie vertrauten, die sie liebten. Beth B hatte sie gebeten, Jahre nach den Vorfällen, einen Brief an den jeweiligen Täter zu formulieren, dessen Inhalt sie dann selbst in die Kamera sprachen.
Der mit "Du" adressierte Täter selbst bleibt unsichtbar; stattdessen werden die Betrachter in einer unmittelbaren Eindringlichkeit mit den Schilderungen konfrontiert. Auf der angrenzenden Videoprojektion ist der Schauspieler Glark Greg zu sehen, der scheinbar zufällige, jedoch verwirrende Kommentare spricht, die am Ende als Zitate aus Interviews mit dem Serienmörder Ted Bundy ausgewiesen werden. Bundy wurde 1989 im Staatsgefängnis von Florida hingerichtet, nachdem er gestanden hatte, in zehn Jahren etwa 40 junge Frauen getötet zu haben. So entsteht sowohl zwischen den beiden Videoprojektionen als auch zwischen ihnen und der Audioinstallation in den leeren Zellen ein imaginärer Dialog über Gewalt und Repression, über oft hilflos bleibende Versuche, eine Erklärung zu finden, über die sozialen und psychischen Folgen für das Leben der Opfer, über ungesühnt gebliebene Taten, über die Frage nach Vergeltung und Sühne, vor allem aber über die Hoffnung, persönliche Traumata im Akt des Sprechens verarbeiten und überwinden zu können.

Beth B lebt und arbeitet als Filmemacherin in New York. Aus der Punkbewegung kommend wurde Beth B in den späten 70er und frühen 80er Jahren durch lowbudget Features bekannt, die sie zusammen mit ihrem Partner Scott B produzierte. Der Film "Vortex" lief 1983 im Forum des jungen Films der Berlinale. 1989 nahm sie an einer Plakataktion "Surgeons General's Warning" in New York teil, die Zensur, Abtreibung, Aids, Rassismus und Obdachlosigkeit thematisierte. Ihr (zusammen mit Ida Applebroog produzierter) Video "Belladonna" wurde 1989 preisgekrönt. Es behandelt den Zusammenhang von Gewalt, Sexualität und Familie auf krasse Weise. 1993 entstanden Under Lock and Key und "Amnesia", ein 1minütiger Videoclip, der Gewalt und Rassismus als gesellschaftliche, klischeehafte Feindbilder entiarvt und auf MTV gezeigt wurde. 1994 produzierte sie das Video "High Heel Nights" für ARTE, ihr im gleichen Jahr entstandener 35mm Film "Two Small Bodies" lief sogar im ZDF. Ihre Videos und Filme waren weltweit auf wichtigen Filmfestivals und in zahlreichen Ausstellungen, etwa im Museum of Modern Art, New York, zu sehen. Die NGBK zeigte ihre Arbeit "KKK" sowie "Amnesia" innerhalb der Ausstellung GEWALT/Geschäfte (10.12.94 - 17.2.95).

 

 

 

3.8. - 1.9. 1996


1957 Félix González-Torres 1996

Zwei Installationen

 

 

Felix González-Torres ist ein wichtiger Vertreter der neuen konzeptuellen Kunst. Er untersucht die fundamentalen Elemente von Bedeutung, um mit den reduziertesten Mitteln größtmögliche Wirkung zu erschließen. Der Künstler hat mit seiner formulierten Kritik an der Concept und der Minimal Art, deren formale Elemente und Strategien er übernimmt, seziert und mit neuen Inhalten versieht, einen neuen Dialog entwickelt, dessen Themenkatalog Aussagen trifft zum Verhältnis von sozialhistorisch bestimmtem Geschlecht und Sexualität, Tod und Verlust, Zeit und Veränderung, Freiheit und Repression. Dabei schreckt er auch nie vor sentimentalen Erinnerungen oder romantischen "Bildfindungen" zurück - eine Komponente seiner Arbeit, die vielleicht am meisten das Dogma früherer Kunststile in Frage stellt.

Seine Arbeit kennzeichnet immer Direktheit in Form und Ausdruck, Einfachheit und Unaufdringlichkeit und die Einbeziehung des Betrachters. Das Wegnehmen eines Plakats von einem Papierstapel (paper stacks) oder das Angebot ein Bonbon von einer Aufschüttung von Süßigkeiten (candy spills) mitzunehmen und zu konsumieren machen die aktive Teilnahme des Betrachters zum Bestandteil des Werkes und seiner Bedeutung. In einer anderen Serie von Arbeiten setzt er zum Nachdenken anregende Jahreszahlen und Ereignisse nicht in chronologischer sondern in der zufälligen Reihenfolge subjektiver Erinnerung zusammen (date pieces). Der künstlerische Prozess findet seine Vollendung in der individuellen Beschäftigung und dem Handeln des Betrachters und Benutzers. Die endlose Reproduzierbarkeit der Bonbonberge und der Plakatstapel trifft auch eine Aussage über die im Werk gemachten Referenzen, die genauso unumstößlich bleiben, wie die Bedeutung, die von Betrachter/Benutzter zu Betrachter/Benutzter variiert. Felix González-Torres räumt uns ganz bewußt die Möglichkeit ein, seine Arbeiten mit unseren eigenen Erinnerungen und Assoziationen zu komplettieren. Damit mutet er uns aber auch Verantwortung für unser Handeln zu. Die Verpflichtung zu handeln und das Angebot sich zu erinnern sind die Anstösse, die es ihm zu vermitteln galt. In einer Zeit, in der das individuelle und das kollektive Gedächtnis und bürgerlicher Ungehorsam nicht hoch gehandelt werden, ist das ein politischer Akt.
Felix González-Torres wurde 1957 in Gaimaro, Kuba, geboren. Er lebte und arbeitete in New York. Am 9. Januar 1996 ist er in Miami an den Folgen von Aids verstorben. Er hatte in seiner internationalen Ausstellungskarriere im März 1995 mit einer Einzelaussstellung im New Yorker Guggenheim-Museum seinen größten Erfolg zu verbuchen. Im Nachhinein betrachtet scheinen sich seine Arbeiten fast unablässig um Abschied gedreht zu haben: Abschied von seinen Freunden, das sich Lösen von Erinnerungen, Abschied von seinem Freund Ross Laycock, der Anfang 1991 der Krankheit erlag.

Schon 1988 zeigte die NGBK zum erstenmal eines seiner date pieces als Teil einer Installation der Künstlergruppe Group Material innerhalb der Ausstellung "VOLLBILD Aids". Felix González-Torres war seit 1987 Mitglied des vierköpfigen Künstlerkollektivs. Mit Group Material realisierte er auch das NGBK-Projekt "A Democracy Poll - Eine demokratische Erhebung" auf der AVNET-Bildwand am Kurfürstendamm im Sommer 1990. Im Februar 1990 war er an der Gruppenausstellung in der NGBK "Übers Sofa - auf die Straße! Kunst und Kultur im Aids-Zeitalter - Vier Künstler aus New York" beteiligt. Im Dezember 1990 stellte er (zusammen mit Cady Noland) im RealismusStudio aus. Die Aussstellung wanderte danach ins Fridericianum nach Kassel. 1994
Ausstellung 'Gewalt/Geschäfte" mit einem seiner Plakatstapel beteiligt. Die langjährige kollegiale Zusammenarbeit war für das Realismusstudio auch ein Grund, zum Gedenken an den Künstler kurzfristig eine Ausstellung zu konzipieren.

Wir haben uns dabei auf zwei Arbeiten beschränkt. Die eine heißt Untitled (A Portrait), 1995. Es war die einzige Videoarbeit, die Felix Gonzláez-Torres angefertigt hat. Sie entstand für eine Einzelausstellung in Los Angeles 1990 und wurde seither als work in progress immer wieder von ihm berarbeitet. Es handelt sich dabei um die Aneinanderreihung von Ereignissen und Erinnerungen aus seinem Leben. Man kann das Videoband als sein Selbstportrait oder als fragmentarische Autobiographie bezeichnen.

Die zweite Installation heißt Untitled (Golden), 1995. Es ist die wohl letzte von ihm konzipierte Arbeit und wurde bisher noch nicht ausgeführt. Ein goldener Vorhang aus facettierten Perlen teilt den Ausstellungsraum und markiert eine Passage. Es ist die Passage von einem Ort zu einem anderen, oder vielleicht vom Leben zum Tod. Der Eindruck changiert zwischen der Kostbarkeit der goldenen Farbigkeit und dem Kitsch der Plastikperlen. Er verwebt persönliche Erinnerungen - Kindheitserinnerungen an Kuba zum Beispiel, wo Perlenvorhänge gang und gebe sind - mit individuellen Erfahrungen der Besucher der Ausstellung, die sich mit ihrem ganzen Körper der Taktilität des Objekts aussetzen und von einem Teil des Raums in den anderen wechseln können. Die Farbe verweist auf Schönheit und Kostbarkeit aber sie blendet auch und führt ins Reich der Illusion und der Trugbilder. 1991 hatte der Künstler ein Feld aus silbern eingewickelten Bonbons ausgelegt und es 'Untitled (Placebo)' genannt. Placebos sind unwirksame Scheinmedikamente, die u. a. in medizinischen Studien zur Überprüfung von Medikamentenwirkungen verabreicht werden. Felix Gonzlez-Torres hat mehrere solcher Vorhang-Installationen gemacht. Dieser ist unseres Wissens der einzige, der keine medizinische Zuordnung im Beititel trägt. Die andern heißen "Untitled (Chemo)" und "Untitled (Blood)". Vielleicht geht es um Glück, um Hoffnung, vielleicht um Abschied. Auf jeden Fall geht es um das sinnliche Erfahren von Körperlichkeit und um die Vergegenwärtigung von Wechsel und Durchdringung.

Wir möchten uns sehr herzlich bei den Leihgebern von "Untitled (A Portrait)" bedanken und möchten ganz herzlich unseren Dank Andrea Rosen, Michelle Reyes und John Connelly von der Andrea Rosen Gallery, New York, für ihre Beratung und Unterstützung bei der Produktion von "Untitled (Golden)" aussprechen.


Frank Wagner
Projektleitung RealismusStudio

 

 

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