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Leopold-Hoesch-MuseumHoeschplatz 1 / Günther-Peill-Straße
52349 Düren
Tel. 02421 - 252561, Fax 02421 - 252560
Di - So 11 - 18 Uhr
museum@dueren.de
www.museum-dueren.de
aktuelle Ausstellung / current exhibition
19.11.2000 - 11.02.2001
Fischli/Weiss
Peill-Preis 2000 an Peter Fischli und David Weiss
Mit dem Günther-Peill-Preis 2000 ehrt das Leopold-Hoesch-Museum Düren die beiden Preisträger, die in besonderem Maße die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst beeinflußt haben. Preisträger der vergangenen Jahre waren Thomas Schütte (1996) und Rosemarie Trockel (1998).
Das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli (geb. 1952) und David Weiss (geb. 1946) arbeitet seit 1979 zusammen. Spätestens mit ihrem Film "Der Lauf der Dinge", einer kuriosen Kettenreaktion, die sie 1987 auf der documenta 8 zeigten, wurden sie auch einem breiteren Kunstpublikum bekannt. Zahlreiche Museen widmeten ihnen Einzelausstellungen, darunter das Musee National d'Art Moderne in Paris, das Kunstmuseum Wolfsburg, das Centre Pompidou in Paris, die Kunsthalle Zürich und das Museum of Modern Art in San Francisco. Vertreten waren sie außerdem auf der Biennale in Venedig, beim Skulpturenprojekt Münster und der documenta X in Kassel.
Peter Fischli und David Weiss kombinieren in der Dürener Ausstellung drei wesentliche Werkgruppen: Skulptur, Photographie und Video. Auf den weißen Sockeln des Museums stehen im wahren, schönen und guten Oberlicht schwarze Gummiskulpturen von Gegenständen des Alltags. Sie sind isoliert und wirken mit dem scheinbar "unangemessenen" Material grotesk, aber vor den weißen Wänden zugleich kontemplativ. Da liegt der elektrische Rasierapparat inmitten eines intimen Ensembles männlicher Alltäglichkeit - Mann intim. Und ein Raabe ist ein Raabe ist auch aus Gummi...
Schwerpunkt und Hauptgewicht liegt auf der Photographie: Aus der Serie "Airports" hängen 12 Großphotos von Flughäfen. Auf ihnen sind Flugzeuge zu sehen, beim Betanken, kurz vor dem Einstieg der Passagiere oder einfach so. "Einfach so" ist wohl die unbefriedigendste Erklärung, vielleicht aber auch die treffendste. Denn das "Einfach so" ist die Kapitulation jedweden Weltverständnisses, die absolute Reduktion auf die wahrgenommene Wirklichkeit. Es ist der Abgrund des Alltäglichen.
Und der ist zu Dimensionen vergrößert, die uns immer an die andere Bedeutung von Größe denken lassen: An die pathetische Erhabenheit eines Dinges, eines Bildes. Irgendeine metaphorische Ebene muß es doch geben. An irgend etwas müssen uns diese Bilder doch erinnern - wo ist bitte die Symbolik? Und richtig, sie erinnern uns an etwas: An den letzten Flug, als wir in der Flughafenlounge auf den verspäteten Flieger der Swissair warteten, aber gibt es überhaupt Verspätungen bei der Swissair? Fragen über Fragen...
Und was ist mit der Komposition? Die Air France-Maschine ist im Profil gezeigt, die Swissair abgeschnitten im Halbprofil, einmal ist die Maschine rechts im Bild, dann ist sie links im Bild, dann ist nur ein Teil im Bild. Einmal stehen in der Mitte eines Bildes zwei Flughafenmitarbeiter in weiß, mit Helmen - übrigens die einzigen Menschen weit und breit. Da fragt man sich: Was machen die da in der Bildmitte. Sie unterhalten sich wohl. Warum arbeiten die nicht? Fragen über Fragen...
Es werden keine fruchtbaren Augenblicke, keine erhabenen, bedeutsamen Momente gezeigt, die uns unsere klassische Bildung stets suchen läßt: Was man sieht, ist einfach so da. Aus der Sicht des Flugzeuges wie auch aus der des unsichtbaren Fluggastes ist es der unfruchtbare Augenblick schlechthin, die Pause, das Nicht-Fliegen, Nicht-Starten, Nicht-Landen.
Der amerikanische Regisseur John Waters ("Hairspray"), bekannt durch Filme, die sich mit der grellen Persiflage des Alltäglichen beschäftigen, stellt bei den "Airport"-Arbeiten von Fischli/Weiss zunächst fest: "Es gibt keine Aktivität, keinerlei Dramatik." Und dann bringt er's auf den Punkt: "Ich bin überzeugt, daß ich einen flüchtigen Einblick in eine neue Art des Schönen in den Neunzigern gewonnen habe, das weit über die Banalität des Pop oder die Frustration des Minimalismus hinausgeht hin zu einer neuen Art von Meisterwerk: schockierend öde, mittelprächtig, 'nothing-to-write-home-about'." "Einfach so", eben "nichts, worüber man nach Hause, schreiben könnte". Diese Blöße entspringt jedoch einer zusammenhängenden Ästhetik, einer Wahrnehmungsweise , die auch die Kunstproduktion nicht mehr aus dem Pathos des Schaffensaktes hervorgehen läßt, sondern diesem nicht einmal mehr die Zeit des Entstehens zugesteht: Die Sekunde des Auslösers ist genug.
Die dritte Werkgruppe ist das bewegte Bild des Videos: Das schöne und gute Oberlicht ist abgedeckt. Die Medienkünste ,brauchen keine weißen Wände und Sockel, sie brauchen das Dunkel. So führt das "Kanal"-Video in die unterirdischen Abgründe des Alltags: Ein eigener Lauf der Dinge vollzieht sich dort. Neben den isolierten kontemplativen Gummiobjekten und den bewegungslos harrenden Flugzeugen findet das bewegte Bild als Blick aus der Dunkelheit in die Dunkelheit statt.
So schließen Fischli/Weiss mit der Kombination dieser Arbeiten sehr wohl an die Hintergründigkeit ihrer bisherigen Wirklichkeitsverlagerungen an: An einen Teppichladen aus Wurstscheiben ("Wurstserie") von 1979, an die Aleatorik des Betriebsraums unter einer Frankfurter Museumstreppe von 1995, minutiös nachgestaltet aus Polyurethan ("Raum unter der Treppe"), und an die mythischen Szenen aus Geschichte und Alltag in Form von Ton-Miniaturen ("Plötzlich diese Übersicht") von 1980.
Auch wenn man den romantischen Sonnenauf- und -untergang auf manchen "Airport"-Photographien für einen erhabenen Moment halten könnte, so ist dieser Schluß keineswegs ,zwingend. Selbst der Sonnenaufgang mit einer Swiss Air-Maschine muß keineswegs eine Aussage über die Schweiz treffen. Vielleicht gilt für die Serie, was Waters zu einem Photo rät: d
"ist dieses Photo tausend Worte wert, wie man sagt? Wohl kaum. Hundert? Zweifelhaft. Eins? Ja. Kunst."
Joachim GeilVerleihung des Preises am Sonntag, 19. November, 12.00 Uhr
Es sprechen:
Paul Larue, Bürgermeister der Stadt Düren
Yilmaz Dziewior, Kurator und Kunstkritiker, Köln
Dr. Dorothea Eimert, Direktorin des Leopold-Hoesch Museums, Vorsitzende Peill-Stiftung