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Heidelberger Kunstverein

Hauptstraße 97
69117 Heidelberg
Tel. 06221 - 18 40 86: Fax 06221 - 16 41 62
Di - So 11 - 17 Uhr, Mi 11 - 20 Uhr
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www.hdkv.de
aktuelle Ausstellung / current exhibition
vorausgegangene Ausstellung / previous exhibition

 

 

25.06. - 30.07.2000


Emil Schumacher

Letzte Bilder 1997-1999

"Ob die gegenständliche Malerei wieder diskutabel wird, hängt davon ab, wer es machen wird und was wir darunter verstehen. Kunsttheorie und Kunstwissenschaft orientieren sich an dem schon Vorhandenen, aber das Neue kommt unerwartet, oft gegen den Fluß der Entwicklung." So äußerte sich Emil Schumacher 1962 in der von Wolfgang Rothe herausgebrachten Publikation "Wegzeichen im Unbekannten - neunzehn deutsche Maler zu Fragen der zeitgenössischen Kunst ". Vermutlich hat er damals nicht geahnt, daß er einer der Bahnbrecher des deutschen Informel, in seinem Spätwerk zum Gegenstand zurückkehren würde. Was aber dieses Spätwerk so faszinierend macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschieht, ohne Bruch, ohne daß damit in Frage gestellt worden wäre, was vorher war.

In Frage gestellt wird hingegen, wenngleich auch dies eher beiläufig, die Bedeutung der vielfach überbewerteten Unterscheidung zwischen "gegenständlicher" und "ungegenständlicher" Malerei, um die es immerhin, gerade in den 50er Jahren, beim Aufkommen des Infonnel, erbitterte, zum Teil politisch motivierte Diskussionen gegeben hat. Der Heidelberger Kunstverein hat sich mit dieser Thematik in seiner Ausstellung "Brennpunkt Informel" (in Zusammenarbeit mit dem Kurpfälzischen Museum, 8.11.1998 - 17.1.1999) intensiv auseinandergesetzt. In mehrfacher Hinsicht - auch was den wiederum im Wienand-Verlag erschienenen und von Dr. Axel Wendelberger als Lektor und Gestalter betreuten Katalog betrifft - kann die Schumacher-Ausstellung im Programmkontext des Kunstvereins als Fortführung und Vertiefung der damals angeschnittenen Thematik gelten.

Die Ausstellung, die durch den unerwarteten Tod des Künstlers unversehens zur Gedächtnisausstellung wird, war lange zuvor geplant und noch selbst mit Emil Schumacher verabredet worden. Schumacher stand dem Vorhaben wohlwollend gegenüber. Er hatte sich auf diese Ausstellung gefreut, die keine Retrospektive werden, sondern ausschließlich neuen, in den letzten Jahren entstandenen, noch nie oder erst selten gezeigten, jedenfalls noch nicht publizierten Arbeiten gelten sollte. Der Heidelberger Kunstverein dankt allen, die zum Zustandekommen dieser Ausstellung beigetragen haben, insbesondere dem Sohn des Künstlers, dem Kunsthistoriker und Museumsleiter Dr. Ulrich Schumacher, der die hier gezeigten Arbeiten aus dem Nachlaß bereitwillig zur Verfügung gestellt und unser Projekt in jeder Hinsicht großzügig unterstützt hat.

Im Rahmen des Ausstellungsprogramms des Kunstvereins, das sich der jungen Kunst nicht allein im Hinblick auf Geburtsdaten, sondern insbesondere auf Aktualität und Lebendigkeit verpflichtet weiß, sich dabei jedoch nicht scheut, gelegentlich auch zurückzublicken, nach dem"Woher" zu fragen und Verbindungslinien zur Vergangenheit aufzuzeigen, war die Schumacher-Ausstellung als spezifischer Beitrag zur Feier der allerorten ins Visier genommenen Jahrhundertwende gedacht. Wir wollten einerseits - ohne mit den in vielen Häusern veranstalteten, keineswegs immer überzeugenden, mitunter eher als Pflichtübung empfundenen Großausstellungen konkurrieren zu wollen - auf einen Künstler hinweisen, dessen Schaffen exemplarische Bedeutung für die Kunstentwicklung des zu Ende gehenden Jahrhunderts zukommt. Andererseits sollte mit der Fokussierung auf noch kaum bekannte und trotz ihrer bruchlosen Einbindung in das Oeuvre doch in vieler Hinsicht überraschend neuartige Arbeiten die Zielrichtung der auf Gegenwartskunst ausgerichteten Kunstvereinsarbeit unterstrichen werden.

In der Tat sind die späten Bilder, die mit dem Tod des Künstlers einen definitiven historischen Stellenwert gewonnen haben und Schumachers Gesamtwerk nun unwiderruflich dem 20. Jahrhundert zuweisen, von ganz und gar nicht musealem oder gar epigonalem Charakter, vielmehr von einer vitalen Frische und Intensität, wie es für das Spätwerk selbst bedeutender Künstler nicht ohne weiteres selbstverständlich ist. Wir haben es mit Arbeiten zu tun, die alles andere sind als ein stiller, besinnlicher Aus- oder Nachklang, eher eine Summe und Synthese, deren Originalität und Neuartigkeit gerade im bereits erwähnten Bogenschlag zu Schumachers gegenständlichen Anfängen liegt.

Mit imponierender Stimmigkeit konkretisiert sich der unverkennbar informelle Gestus zur figuralen Chiffre, zur Reminiszenz an Gesehenes, Erlebtes, zur Andeutung einer Landschaft, eines Horizontes, der Begegnung von Himmel und Erde, einer menschlichen Figur oder Figurengruppe, einer Pflanze oder eines Tieres, einer Erfahrung, die um das Einbezogensein der Teile in ein umfassendes Ganzes weiß. Mensch und Tier begegnen einander, das Individuelle ist - im doppelten Sinne - aufgehoben in der spannungsreichen Harmonie von Natur und Kosmos.

All dies wird Bild im Licht einer mediterranen Leichtigkeit und Heiterkeit, die mitunter an das Spätwerk Picassos erinnert, manchmal aber auch - sowohl was die Linienführung betrifft, als auch deren Aufbringen auf einen schrundigen, reliefartigen, gleichsam felsigen, durch Ritzungen modifizierten Grund - an die magischen Gestaltabbreviaturen prähistorischer Höhlenzeichnungen, wie sie sich ebenfalls im südlichen Europa finden, in einem Kulturbereich, der Schumacher zur zweiten Heimat geworden ist.

Leichtigkeit meint freilich alles andere als Oberflächlichkeit, und dies im konkreten wie im übertragenen Sinn. Denn Linie, Fläche und Raum - sowohl imaginäre Räumlichkeit als auch in der materiellen Kraft des Farbauftrags haptisch fassbare konkrete Dreidimensionalität - erzeugen in diesen Bildern ein komplexes, ebenso klar strukturiertes wie spontan, improvisatorisch angelegtes Spannungsfeld, innerhalb dessen insbesondere der Linie der Hinweis auf Gegenständliches zugewiesen wird, wohingegen die Farbe letztere teils betont, teils aber auch kontrapostisch konterkariert.

Dies wird vor allem dort deutlich, wo im Wechselspiel gleichsam von Feuer und Wasser die geballte Materialität des Farbauftrags durch die entmaterialisierende Wirkung des von Schumacher so geliebten Blau, der gerade im Spätwerk auffallend häufigen Farbe der Transzendenz und Unfassbarkeit, relativiert wird. Der Heidelberger Kunstverein, der 1990 zur Eröffnung seines neuen Hauses in einer großangelegten Ausstellung mit dem Titel"Blau - Farbe der Ferne" die erstaunliche Spannweite dieser wie keine andere mit unterschiedlichen, jedoch allemal von der Materialität des Fassbaren wegführenden Bedeutungen befrachteten Farbe untersucht hat, zeigte damals auch drei wichtige großformatige Arbeiten Schumachers, die in den 80er Jahren entstanden waren.

Schumachers Rückkehr zum Gegenstand ist keine Absage an das Informel. Die späten Arbeiten stellen die Offenheit des Informel keinen Augenblick in Frage, um so weniger, als das Schaffen des Künstlers, immer schon in lebendiger Welterfahrung begründet, nie eine im Künstlerlabor herangezüchtete Kopfgeburt aus der Retorte war. In einem 1956 geschriebenen Brief, der im erwähnten Informel-Katalog erstmals veröffentlicht wurde, machte Schumacher deutlich, daß seine Malerei zwar keine die Wirklichkeit abbildende, wohl aber sich aus der Erfahrung der Wirklichkeit speisende sei: "Und wenn ich eine Rose malen sollte (... ), eine süße und betörend duftende, ja mein Lieber, meine röche nur nach Leinöl und Terpentin. Deshalb laß' ich das hübsch bleiben und male Bilder, die ich mir aus der Landschaft meiner und Deiner Empfindungen hole."

 

Biographie

1912 geboren am 29. August in Hagen
1932-35 Studium an der Kunstgewerbeschule Dortmund
1948 Kunstpreis 'Junger Westen' der Stadt Recklinghausen
1958 Guggenheim Award (National Section), New York
1958-60 Professur an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg
1962 Premlo Cardazzo, anläßlich der XXX. Biennale di Venezia
1966-77 Professur an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe
1978 August Macke-Preis der Stadt Meschede
1987 Preis der Europäischen Akademie für Bildende Kunst, Trier
1992 Verleihung des Doktorgrades ehrenhalber, Dr. phil. h. c. durch die Universität Dortmund
1998 Auftrag für ein Wandgemälde im Gebäude des Reichstags Berlin
1999 gestorben am 4. Oktober in San José/Ibiza

Eröffnung: Sonntag, 25. Juni, 11 Uhr
Begrüßung: Hans Gercke
Einführung: Prof. Dr. Peter Anselm Riedl

Katalog (erschienen im Wienand-Verlag mit Beiträgen von Peter Anselm Riedl, Christoph Zuschlag und Hans Gercke) DM 48,-, für Mitglieder DM 42,

Führungen:
Mi., 28.06., 18 Uhr Hans Gercke
So., 02.07., 13 Uhr Dr. Christmut Präger
Mi., 05.07., 18 Uhr Hans Gercke
So., 09.07., 13 Uhr Dr. Christmut Präger
Mi., 12.07., 18 Uhr Dr Christmut Präger

Sonderführung:
Fr., 14.07., 11 Uhr Prof. Dr. Peter Anselm Riedl
So., 16.07., 13 Uhr Dr. Christoph Zuschlag
Mi., 19.07., 18 Uhr Christine Breitschopf
So., 23.07., 13 Uhr Christine Breitschopf
Mi., 26.07., 18 Uhr Hans Gercke
So., 30.07., 13 Uhr Hans Gercke

 

 

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