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Haus der Kunst

Prinzregentenstraße 1
80538 München
Tel. 089 - 21 1270, Fax 211 27 - 157
mail@hausderkunst.de
www.hausderkunst.de
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr
vorausgegangene Ausstellung / previous exhibition

 

30.11. 2011 - 01.04. 2012

Why I Never Became a Dancer

Sammlung Goetz im Haus der Kunst

Donnerstag, 29. September 2011, 11 Uhr

"Jede Generation hat ihre eigene Kultfigur, ihre eigene Sprache, ihre eigene Musik und ihre eigene Mode und Ausdrucksweise. Bis sie sich gefunden hat, wird alles ausprobiert: von einem bestimmten Lebensstil über Drogen bis hin zur virtuellen Welt des Internets. Das möchte ich hier gerne zum Ausdruck bringen." (Ingvild Goetz)

Die Ausstellung "Why I Never Became a Dancer" präsentiert
15 Videoarbeiten internationaler Künstler, die sich mit dem Thema Jugend auseinander setzen: Sie untersuchen soziale Verhaltensmuster von Jugendlichen auf gesellschaftlicher und privater Ebene. Dabei steht nicht nur die heutige Generation im Fokus, sondern auch die Jugendkultur der vergangenen 30 Jahre.

Familienleben und Kindheit

Tracey Emin nimmt uns in ihrer titelgebenden Arbeit "Why I Never Became a Dancer" mit in ihre Jugend in Margate, England. In starkem Kontrast zu den Schauplätzen ihrer Jugend steht Tracey Emins Stimme aus dem Off, die von ihren wahllosen sexuellen Beziehungen berichtet. Mit 15 Jahren stoppt Emin diese Ausbrüche. Das Gefühl der Selbstbestimmung über ihren Körper drückt sie nun durch Tanz aus. Während eines Disco-Tanzwettbewerbes träumt sie davon, berühmt zu werden und Margate zu verlassen. Die Rufe "Slag, Slag, Slag" ("Schlampe, Schlampe, Schlampe") aus dem Publikum holen sie jedoch hart in die Realität zurück. Die Aufnahmen, die sie 1995 tanzend in ihrem Atelier zeigen, zeugen von ihrem Triumph über das Publikum von damals: Tracey Emin hat Margate längst verlassen und lebt in London als erfolgreiche Künstlerin.

Persönliche Berichte von Kindern über Alltagssituationen, aber auch von Sorgen, Einsamkeit und Verletzungen vermittelt Gillian Wearing. Die Inszenierung verwirrt zunächst, da erwachsene Personen ihre Lippen synchron zu den Kinderstimmen bewegen und deren Körpersprache nachahmen. Wie in einem Spiegel wird dem Betrachter vorgehalten, welche kindlichen Verhaltensweisen er selbst im Laufe der Jahre abgelegt hat. Das Gesagte, die Traumata und Verletzungen scheinen nun aus den Erwachsenen hervorzubrechen. Ein Mann, in dem ein Junge steckt, berichtet von seinen Alkoholproblemen: "I feel like I'm a man in a boy's body and I like drinking ...".

Die Lebenswelt eines kleinen Mädchens verbildlicht Doug Aitken. Dabei wechseln sich Bilder von Kinderspielen mit Bildern eines Geisterautos, eines Flugzeuges am Himmel oder die Fahrt eines Trucks mit einem mobilen Haus ab. Das Mädchen flüstert eindringlich wiederholend: "You can't stop". Und vermittelt das Gefühl, dass die Zeit läuft - rennt - dass die Kindheit oder das gesamte Leben nur ein kurzer Moment sind. In der Erinnerung bleiben nur kurze, einander jagende Sequenzen haften.

Scheinbar ein ganzes Familienleben rafft Rosemarie Trockel in ihrer
14-minütigen Videoinstallation zusammen: Abfolgen von Fotografien und bewegten Szenen zeigen immer wieder dieselben Kinder und Erwachsenen bei Alltagsszenen, Urlaubssituationen, Freizeitaktivitäten. Gemein ist den Protagonisten, dass sie alle von Rosemarie Trockel selbst gestrickte Kleidung tragen. Der Betrachter reist durch die Strick-Bilderwelten der Künstlerin und versucht unwillkürlich, daraus eine Handlung - ein Familienleben - zu stricken. Doch alle gefilmten Personen sind Freunde und Bekannte der Künstlerin, und das Video entstand in nur einem Monat.

Soziale Verhaltensweisen

Einige Arbeiten widmen sich Jugendlichen und ihren Verhaltensweisen im Freundeskreis. Vor der Filmkamera von Rineke Dijkstra in "The Buzzclub, Liverpool, UK / Mysteryworld, Zaandam, NL" wiederholen Jugendliche in einem leeren Nebenraum die Handlungen, die sie eben noch in der Masse in einer Diskothek ausführten. Der Betrachter sieht eine isolierte Modellsituation mit authentischen Personen, die unverwechselbar sind. In der Masse der Diskothek war dies nicht auszumachen. Vor der Kamera pendeln die Jugendlichen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität zwischen Stereotypen und Natürlichkeit.

Martin Brand und Tobias Zielony veranschaulichen das Verhalten Jugendlicher Randgruppen: Martin Brand begleitet in "Station" eine Gruppe linker Jugendlicher durch ihren Alltag in Bochum. Dabei bewertet er nicht, sondern beobachtet zurückhaltend. Er schafft Raum für Vertrautheit, in der die Jugendlichen sowohl ihre Zugehörigkeiten als auch Verwirrungen - die Übergangsphase zum Erwachsenwerden - frei offenbaren. Tobias Zielonys Diaprojektion "Behind the Block" zeigt Ausschnitte der Lebenswelt von Jugendlichen in sozialen Brennpunkten von zum Beispiel Marseille.

Die Videoarbeiten von Beat Streuli und Nina Könnemann geben alltägliches Straßengeschehen wieder: Jugendliche treffen sich, kommen und gehen. Beat Streuli lenkt den Fokus auf das scheinbar Unscheinbare, auf alltäglich zu beobachtende Situationen und Verhaltensweisen. Nina Könnemann hält Szenen einer Silvesternacht an der Hafenpromenade von Blackpool, England, fest: Nach den Feiern machen sich die meist angetrunkenen Frauen in Partyoutfit auf die Suche nach einem Taxi. Die Szenen und Verhaltensweisen sind jedem aus Beobachtungen oder persönlicher Erfahrung bekannt.

Medien- und Videowelt

In "Live from Neverland" verwendet Paul Pfeiffer eine Sequenz aus der Stellungnahme von Michael Jackson zu den Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs. Auf einem kleinen Monitor kann man Michael Jacksons Ansprache ohne Ton verfolgen. Auf einer großen Leinwand sagt ein Chor dieselbe Rede parallel zu Jacksons Lippenbewegungen im Sprechgesang auf. Die Glaubwürdigkeit von Jacksons Ansprache wird durch diese Übertragung ins Überdimensionale zur Diskussion gestellt: "Indem man sich auf das Grundlegende beschränkt, ermöglicht man es dem Betrachter, sich auf die Manipulation zu konzentrieren, die stattgefunden hat. Die Manipulation wird gewissermaßen zum Sujet des Werks." (Paul Pfeiffer)

Ryan Trecartins "Valentine's Day Girl" beleuchtet den Hype, den es bei Jugendlichen um den Valentinstag gibt: Eine junge Frau hat sich ganz der Konsumwelt, die für den Valentinstag angeboten wird, verschrieben und sich und ihre Wohnung mit Herzen, Luftballons, Glitter und Lametta dekoriert. Man spürt ihre emotionale Verbindung zu dieser selbst geschaffenen Welt.

In öffentlichen Spielhallen filmt Andrea Bowers Jugendliche beim Videospiel Dance Dance Revolution. Die Jugendlichen sind junge US-amerikanische Zuwanderer in erster Generation. Auch Cao Fei und Mark Leckey bewegen sich in die Computerspiele- und Tanzvideowelt. Mark Leckey zeigt in Sequenzen, die an ein Musikvideo erinnern, die Tanzentwicklung von den Northern-Soul-Tänzen der 1970er Jahre bis hin zu den Raves der 1990er Jahre und wie sich mit den Tänzen auch die Verhaltensweisen der Jugendlichen ändern.

"Why I Never Became a Dancer" ist die zweite Ausstellung der Kooperation zwischen Sammlung Goetz und Haus der Kunst. In den kabinettartigen Räumen des Luftschutzkellers im Haus der Kunst zeigt Ingvild Goetz bis 2014 regelmäßig eine Auswahl aus ihrer Sammlung von Film- und Medienkunst.

Die Werkauswahl wurde von Ingvild Goetz getroffen.

Mit Doug Aitken (i am in you [linear version], 2000), Andrea Bowers (Democracy's Body - Dance Dance Revolution, 2001), Martin Brand (Station, 2004), Cao Fei (RMB City Opera, 2010). Rineke Dijkstra (The Buzzclub, Liverpool, UK / Mysteryworld, Zaandam, NL, 1996/97), Tracey Emin (Why I Never Became a Dancer, 1995), Nina Könnemann (Pleasure Beach, 2001), Mark Leckey (Fiorucci Made me Hardcore, 1999 / LondonAtella, 2002), Paul Pfeiffer (Live from Neverland, 2006), Beat Streuli (Allen Street II 5-29-94, 1994), Ryan Trecartin (Valentine's Day Girl, 2001), Rosemarie Trockel (Yvonne, 1997), Gillian Wearing (10 - 16, 1997), Tobias Zielony (Behind the Block, 2004)

Ein Katalog erscheint im Verlag Hatje Cantz; hrsg. von Ingvild Goetz, Susanne Touw und Stephan Urbaschek; mit Texten von Ingvild Goetz, Cornelia Gockel, Anke Hoffmann, Karsten Löckemann, Kevin McGarry, Petra Meyer, Dominikus Müller, Jörn Schafaff, Rainald Schumacher, Birgit Sonna, Dominika Szope und Isabelle Verreet; Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-7757-3154-6.

 

 

 

16.09. 2011 - 08.01. 2012

Carlo Mollino

Maniera moderna

Die Werkauswahl der Ausstellung spiegelt die Vielseitigkeit von Carlo Mollinos Werk: zu sehen sind seine Zeichnungen und Architekturpläne, Möbel und Einrichtungsgegenstände, sein Rennauto "Bisiluro", seine Fotomontagen, die Polaroids mit den weiblichen Aktdarstellungen, seine Essays über Architektur, Fotografie und Abfahrtski und weiteres Archivmaterial. Ein fotografischer Essay von Armin Linke, der anlässlich der Ausstellung entstanden ist, gibt einen Überblick über Mollinos Bauten und ihren Erhaltungszustand.

Lange war der Umgang mit Mollinos Bauten nachlässig. Bezeichnend ist, dass der Turiner Stadtrat 1960 den Abriss der erst 1940 fertiggestellten Società Ippica Torinese beschloss. In den letzten Jahren hat Carlo Mollino zwar zunehmend Aufmerksamkeit erfahren. Dennoch steht seine volle Anerkennung als Architekt noch immer aus. Dagegen sind die von ihm entworfenen Möbel bei Sammlern längst stark begehrt: 2005 wurde ein Tisch für 3,8 Millionen Dollar versteigert. Zeitgenössische Künstler wie Karole Armitage und David Salle, Nairy Baghramian, Steven Claydon, Armin Linke, Mai-Thu Perret, Heidi Specker und Simon Starling beziehen sich in eigenen Arbeiten ausdrücklich auf Carlo Mollino. Bei Jürgen Teller und anderen Fotografen ist die Casa Mollino für Shootings begehrt.

1905 in Turin geboren, fällt Mollinos Berufsanfang in die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Mollino lernt die Grundbegriffe der Architektur von seinem Vater Eugenio, im ersten Viertel des 20. Jh. ein angesehener Ingenieur und Architekt. Auf diese Weise fällt ihm der Einstieg leicht, und er besitzt von Anfang an eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. 1931, nach Abschluss der Ausbildung, nimmt ihn der Vater in sein Büro auf. 1936 entsteht die Inneneinrichtung der Casa Miller, Carlo Mollinos Domizil und Studio für weibliche Porträts. Wie bei anderen Anfang des 20. Jahrhunderts geborenen Architekten sind Gegensätze ein prägendes Element seiner Arbeiten: Bei seinem ersten Auftragswerk, dem Headquarter für die Federazione Agricoltori Cuneo (1933-35), kommt die Strenge und Monumentalität faschistischer Prägung zum Einsatz. Anschließend geht Mollino für immer auf Distanz zu politischen Regimes. Schon der zweite Auftrag, die Società Ippica Torinese (1937-1940), zeigt die dynamischen Kurven, die für sein weiteres Werk typisch bleiben. Mit ihnen macht Mollino Anleihen beim Barock. Wiederholt setzt er auch Elemente des Surrealismus ein: Bei der Inszenierung weiblicher Modelle in seinen Interieurs lässt er Materialen, die weich und seidig sind, auf harte und stark spiegelnde Oberflächen treffen. Die Art, wie er Licht und Schatten, Stofflichkeit und Oberflächen behandelt, lässt an Man Ray denken. Die Effekte leben vom Kunstlicht, wie es einem Nachtmenschen gemäß ist.

Mollinos Aneignung von alpenländischen Baumethoden, von Elementen des Barock und Surrealismus ist konzeptuell und hält von Ideologien Abstand. Die rein funktionale, geometrisch einfache Architektur mancher Zeitgenossen lehnt er als steril und mechanistisch ab. "Unser Leben ist unglücklich, denn es ist nützlich und schnell" ("we live unhappy because it is useful and fast"), urteilt er und sucht Schönheit in der Zweckfreiheit. Dazu passt das ihm von einigen attestierte Dandytum: Wiederholt entwirft er für die privaten und intimen Bedürfnisse von Individualisten - und nicht zuletzt für sich selbst.

Projekte, die Mollino während des Zweiten Weltkriegs entwirft, werden nicht realisiert, aber in "Domus" und "Lo Stile" publiziert. 1947 vollendet er die Bergstation und Skihütte am Lago Nero in 2.400 m Höhe, die bald darauf schon sich selbst bzw. dem Zahn der Zeit überlassen bleibt. Bauten wie das Auditorium für Radiotelevisione Italiana oder der Lutrario Ballsaal in Turin von 1959 sind in letzter Zeit stark verändert worden. Zu sehen sind heute in Turin die Casa Mollino (1961-1970), die von Fulvio und Napoleone Ferrari betreut wird, und das postum eingeweihte Teatro Regio mit seiner fächerförmigen Decke (1965-1973).

In allen Entwürfen kommt Mollinos Faszination von der Schönheit einer schwungvollen, körperlichen Bewegung zum Ausdruck. Das Dach der Seilbahnstation Lago Nero strebt so dynamisch aufwärts, als wollte es förmlich abheben. Beim Entwerfen dieser Schwünge kann Mollino auf eigene Erfahrung zurückgreifen. Ab 1953, dem Todesjahr des Vaters, weitet er seine sportlichen Aktivitäten aus: Gleichzeitig Amateur und Virtuose, übt er sich in Abfahrtski, Kunstfliegen und Rennfahren. Seltsam gleichmütig wagt er in diesen Disziplinen Experimente, bei denen alles schief gehen könnte, ihm aber nie etwas zustößt. 1955 nimmt er mit dem eigens dafür entworfenen "Bisiluro" an einem Autorennen in Le Mans teil. Die Kurven dieses Rennautos, Mollinos Fotos von Skispuren im Tiefschnee (1950 erschien seine Lehrpublikation "Introduzione al Discesismo"), von weiblichen Akten, und seine aeronautischen Zeichnungen belegen: Es geht ihm bei allem darum, kunstvoll geschwungene Linien zu schaffen. Man könnte sagen egal was Mollino tut, er zeichnet: auf Papier, in den Schnee, in den Himmel oder entlang weiblicher Körper. Er kann mit beiden Händen zeichnen, auch gleichzeitig, und braucht nach der ersten Skizze bis zur maßstabgetreuen Bauzeichnung kaum einen Zwischenschritt. Seine Zeichnungen können als gedanklicher Ausgangspunkt für seine Entwürfe gelesen werden.

Die von Mollino entworfenen Möbel sind Einzelstücke. Sie folgen nicht der Warenlogik des in Serie gefertigten Möbels. Dadurch bleiben sie sowohl dem industriellen Design wie dem Kunsthandwerk fremd und erhalten erst als autonome Kunstwerke Sinn. Nur wenn es vom Auftraggeber bestellt wird, produziert Mollino eine höhere Auflage; so bei den Sesseln für die Casa Minola (1944-1946) oder der Bestuhlung für den Lutrario Ballsaal (1959-60). Für seine Stühle kombiniert Mollino traditionelle Elemente wie den alpenländischen Brettstuhl mit Techniken der Holzverformung und dringt dabei an die Grenze des Möglichen vor. Charakteristisch für die Sessel ist die Kombination von elegant gebogenem Holz und körperhafter Polsterung. Die Gestelle von Schreibtischen konstruiert er nach aeronautischem oder naturhaft-organischem Muster. Glas- und Marmorplatten montiert er mit gebogenem Metallrohr. Die Möbel sind ein weiterer Höhepunkt in Mollinos Schaffen. Alle Phasen - die surrealistische, die naturhaft-organische und die modernistische mit den geraderen Formen - sind in der Ausstellung vertreten. Gezeigt werden Entwürfe für Cadma, Casa Orengo, Casa Rivetti, Uffici Lattes, Casa del Sole, Mostra USA, Casa Devalle, Auditorium RAI und Casa Mollino. Drei verloren geglaubte Stühle aus einer Privatsammlung sind zum ersten Mal zu sehen.

Mollino fotografiert über Jahre weibliche Akte in von ihm gestalteten Interieurs. Anfangs sitzen ihm Bekannte wie Ada Minola oder Lina Modell. Zentrales Bildelement ist das wellige, glänzende Haar, das Mollino mit der Genauigkeit von Hochglanzmagazinen arrangiert. Später ersetzt er die Leica durch eine Polaroid. Dunklere Fantasien über Begegnungen mit einer Fremden treten in den Vordergrund: Mollino lässt nun Prostituierte für sich posieren. Die Polaroids sollten ihn in seinem Leben nach dem Tod begleiten. Von 1961-1970 baute Carlo Mollino sein Apartment in der Via Napione, in dem er auch einige der Polaroids aufnahm. Es sollte ihm möglicherweise als äußere Hülle für den Übergang in die nächste Seinsstufe dienen. Umgeben von den Frauen der Polaroids und anderen persönlichen Schätzen wollte er in einem Bett in Bootsform davonsegeln: "Wie die Chinesen von Rang zu ihren Lebzeiten ihr eigenes Mausoleum ausschmücken, bereite ich den Flur meines Hauses als eine Zwielicht-Avenue auf, wo Fotografien und viele andere Andenken eines Lebens aufeinander folgen: alle schön, jedenfalls fast", ("I am preparing, like the Chinese of rank who in life adorns his own mausoleum, a corridor of my house to be a twilit avenue where the photographs and many other mementos of life shall follow in sequence: all beautiful, or almost") schreibt er 1973, dem Jahr, in dem er an einem Herzinfarkt stirbt. Mehr als zweitausend Polaroids wurden später in diesem Apartment - heute die Casa Mollino, betreut von Fulvio und Napoleone Ferrari - gefunden.

Zu Lebzeiten hat Mollino dieses Apartment nie bewohnt und nie jemanden dorthin eingeladen. So haftet der Casa Mollino die Aura geheimnisvoller Einsamkeit an. Auch die anderen Interieurs wirken wie höchst private Settings, für das Auge einer Kamera geschaffen und wenig am Nutzen für ständige Bewohner interessiert. Die Casa Miller von 1936 zum Beispiel war ein Zweizimmer-Apartment mit Badezimmer, aber ohne Küche. Zusammen mit anderen Eigenheiten - er war Freimaurer, ewiger Junggeselle und beschäftigte sich mit Okkultismus - hat dies bis heute psychologisierende Deutungen von Mollino als "holy madman" begünstigt.

Außer Armin Linke sind zwei weitere zeitgenössische Künstler vertreten: Simon Starling mit einem Film, bei dem die Kamerafahrt in Nahsicht den Kurven eines Mollino-Stuhls entlang fährt (Four Thousand Seven Hundred and Twenty Five [Motion Control / Mollino], 2007), und Nairy Baghramian mit der Installation "Teestube", die sich auf Mollinos surrealistische Installation Té numero 2 bezieht, die er gemeinsam mit seinem Künstlerfreund Italo Cremona 1935 in Turin geschaffen hat.

Die Ausstellung ist die letzte Produktion von Chris Dercon für das Haus der Kunst; im April 2011 wechselte Chris Dercon als Direktor an die Tate Modern. Seine Projektassistentin im Haus der Kunst ist Sophie Remig.

In Kooperation mit
Wilfried Kuehn, Kurator und Architekt, und
Armin Linke, Kurator und Künstler
und in Zusammenarbeit mit
Museo Casa Mollino, Turin,
dem Archiv der Zentralbibliothek für Architektur des Polytechnikums, Turin und der Staatlichen Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe.

Der Katalog erscheint bei Walther König. Er enthält Textbeiträge von Luca Cerizza, Beatriz Colomina, Fulvio und Napoleone Ferrari, Kurt W. Forster, Wilfried Kuehn und einen fotografischen Essay von Armin Linke.

Gefördert durch die Schörghuber Unternehmensgruppe

Mobilitätspartner der Ausstellung ist die Deutsche Bahn. Mit dem Kultur-Ticket-Spezial der Deutschen Bahn kann eine Person für 39 Euro (2. Kl.) bzw. 59 Euro (1. Kl.) an einem Tag zur Ausstellung und zurück reisen. www.bahn.de/kultur

 

 

03.02. 2012 - 13.05. 2012

Wilhelm Sasnal

Die Ausstellung gibt einen Einblick in Sasnals Arbeit von 1999 bis zur Gegenwart. Sie zeigt über 60 Gemälde und eine Auswahl seiner Filme.

Wilhelm Sasnal (geb. 1972 in Tarnow, Polen), der international bereits durch eine Reihe von Einzelausstellungen auf sich aufmerksam gemacht hat, findet seine Motive im Alltag und in den Medien. Dabei reicht seine Bildwelt von Porträts seiner Angehörigen und Freunde bis zu Ikonen der Popkultur; vom Nachrichten-Foto eines jungen Mädchens in den Trümmern der Tsunami-Katastrophe in Japan bis zu Kapiteln aus der polnischen Geschichte wie dem Zweiten Weltkrieg einschließlich Holocaust. Wie ein Pendel schwingen seine Bilder ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her.

Stilistisch verschmilzt Wilhelm Sasnal Romantik mit Realismus, Pop mit Abstraktion. Die Ausbildung an der Krakauer Akademie der Schönen Künste, das Anfertigen von Stillleben, Akten und die Beschränkung auf Kunstgeschichte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts fand er "sehr technisch" und lebensfern: "Mein Leben war völlig anders als das, was die Bilder zeigten, auf die ich Bezug nehmen sollte; deshalb wollte ich malen, was um mich her vorging." (Wilhelm Sasnal im Gespräch mit Achim Borchardt-Hume, Hauptkurator, Whitechapel Gallery, London)

Malerei ist für Wilhelm Sasnal weder "eine einsame Übung", noch ein "Rückzug aus der Gesellschaft". Seine Bilder drücken eine Haltung zu bestimmten Dingen aus - obwohl sie weder deskriptiv sind, noch darauf zielen, bestimmte Aspekte der Welt zu kritisieren oder zu loben. Wilhelm Sasnal ist der Ansicht, dass sich Malerei gleichzeitig auf sich selbst und auf die Welt beziehen kann. Ein Beispiel hierfür ist sein Bild "Bathers at Asnières" (2010), das direkt Bezug nimmt auf Georges Seurats gleichnamiges Gemälde von 1883/84. "Die Melancholie gefällt mir, und dass alle Leute, obwohl es ein schöner Tag ist, ganz vereinzelt sind", sagt Wilhelm Sasnal. Darüber hinaus erinnert ihn Seurats Gemälde an den Ort seiner Kindheit und an die Geschichten, die seine Großmutter über den Sommer des Jahres 1939 erzählt hat; dieser Sommer kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war so heiß, dass die Leute ihre Tage am Fluss verbrachten.

Die Jahre 2000/2001 waren für Wilhelm Sasnal entscheidend: In Polen erschien Art Spiegelmans Comic "Maus", Claude Lanzmanns neunstündiger Dokumentarfilm "Shoah" (1985) wurde gezeigt und Jan Tomasz Gross' Buch "Neighbours" (2001) kam heraus. Nachdem sich die Polen bisher ausschließlich als Opfer der Nationalsozialisten verstanden hatten, thematisierten diese Veröffentlichungen nun ihre Verstrickungen bzw. Beteiligungen an den Gräueltaten. Wilhelm Sasnal fand diese Notwendigkeit des Perspektivwechsels zunächst verstörend. 2001 malte er insgesamt fünf Gemälde nach dem Comic "Maus", in dem Art Spiegelman die Nationalsozialisten als Katzen, die Juden als Mäuse, die Polen als Schweine und die Amerikaner als Hunde darstellt. Wilhelm Sasnal übernimmt für diese Werkgruppe die grafische, schroffe Darstellung in Schwarzweiß und kreist um die Frage, wie viel vom Inhalt des Comics zu vermitteln ist, wenn die Bilder aus dem Zusammenhang gerissen sind und die Sprechblasen wegfallen. In den "Maus"-Gemälden stellt Wilhelm Sasnal eine Person oder Szene isoliert dar, befreit vom Vorwärtsdrängen der Handlung.

Allgemein erwecken seine Gemälde häufig den Eindruck von Stillstand und sind dennoch mit Handlung aufgeladen. Diese Spannung ist charakteristisch. Vorlage für das Gemälde "Shoah (Translator)" (2003) ist beispielsweise ein Still aus Lanzmanns gleichnamigem Film. Das Gemälde "Untitled (Rubber & Metal)" (2000) kann wie eine Bildgeschichte gelesen werden. Es ist eine Sequenz aus zwölf Einzelbildern, die jeweils ein kleines Metallstück zeigen. Von rechts schieben sich schwarze Gummireifen ins Bild, die über das Metall rollen und dabei beschädigt werden. Die Bildidee geht auf eine Simulation der Concorde-Katastrophe im Juli 2000 zurück: Ein Stück Metall auf der Startbahn hatte den Reifen zerstochen und zwei Minuten nach Abflug den Absturz verursacht. Mit solchen Aneignungen fragt Wilhelm Sasnal danach, ob "Malerei vielleicht viel mehr erzählen kann als Film. Was allerdings beide Medien gemeinsam haben, ist dieses Gefühl von Erwartung."

Basierend auf vier Bildern des mexikanischen Fotografen Enrique Metinides, der berühmt ist für seine detaillierten Aufnahmen von Katastrophen und Todesfällen, entstehen 2003 die so genannten Metinides-Gemälde. Wilhelm Sasnal hat für diese Gemälde jedoch die wesentlichen Informationen oder erzählenden Elemente der Fotografien gelöscht: Helfer nach einem Flugzeugabsturz besitzen keine Gesichtszüge mehr ("Us", 2006), und das Foto eines durch Elektrizität Getöteten verknappt er zur Darstellung von Pfahl, Stromleiter, Flamme und Rauch - der Tote selbst fehlt. Die Metinides-Gemälde zeigen exemplarisch, wie Wilhelm Sasnal eine analytische Ebene einzieht, die sich als Distanz zwischen dem Geschehen zum Maler, und zwischen Gemälde und Betrachter bemerkbar macht.

Je nach Sujet verändert er auch die Malweise. In den frühen Gemälden wie "Maus" hinterlässt die Pinselführung kaum persönliche Spuren ihres Autors. Bei einzelnen späteren Gemälden wird der Farbauftrag üppig oder pastos. Das wogende Gras, durch das vier Frauen in Rückenansicht auf einen kahlen Berg zugehen, ist mit geripptem Stoff auf die Leinwand gewischt ("Untitled", 2004); "Photophobia" (2007), das Katerstimmung zum Ausdruck bringt und Abscheu vor dem Tageslicht, ist mit den Fingern gemalt. Für das Thema von Strahlung und Kernkraft verzichtet Wilhelm Sasnal darauf, den Farbauftrag zu kontrollieren und lässt die Farbe über die Leinwand laufen ("Power Plant in Iran", 2010).

Insgesamt belegen Sasnals Werke der vergangenen zehn Jahre seine Leidenschaft für die Geschichte der Malerei und seine konzeptuelle Auseinandersetzung mit der Malerei als Medium. Gary Shteyngart hat über den langwierigen Schreibprozess seines letzten Romans gesagt dass ein Buch, das in der Gegenwart spielt, bei seinem Erscheinen bereits ein historischer Roman ist. Dieser Gefahr der Entwertung durch Sofortverwertung begegnet Wilhelm Sasnal mit der Zeitlosigkeit von Malerei. Mit seiner Auswahl aus der Masse von Bildern in Comics, Zeitungen, Fernsehen und Internet erzählt er eine ganz persönliche "Super Sad True Love Story".

Der Katalog "Wilhelm Sasnal" ist in Englisch erhältlich, mit einem Essay von Ulrich Wilmes und einem Interview, das Achim Borchardt-Hume, Hauptkurator an der Whitechapel Gallery, London mit dem Künstler geführt hat; ISBN 978-0-85488-199-4.

Die Ausstellung wird von der Whitechapel Gallery, London, in Zusammenarbeit mit Haus der Kunst, München organisiert. Sie hat ihre Premiere in der Whitechapel Gallery vom 14. Oktober 2011 - 1. Januar 2012.

Künstlergespräch mit Ulrich Wilmes und Wilhelm Sasnal am Mittwoch, 9. Mai 2012, 19 Uhr


75 Jahre Haus der Kunst

2012 wird das Haus der Kunst an den 75. Jahrestag seiner öffentlichen Einweihung im Sommer 1937 erinnern. Aus diesem Anlass wird eine Ausstellung, die sich direkt auf Dokumente, Objekte und Bilder aus eigenen Archiven sowie anderen historischen Sammlungen in Deutschland stützt, umfassende Überlegungen und einen Überblick zum Erbe des Hauses präsentieren.

Vorläufer des Haus der Kunst war der Glaspalast, den August von Voit 1853/54 für die Erste Allgemeine Deutsche Industrie- und Gewerbeausstellung gebaut hatte. Der Glaspalast war eine große, offene und moderne Glas- und Eisenkonstruktion. Er entwickelte sich zum größten Ausstellungsforum von München, bis er in der Nacht auf den 6. Juni 1931 niederbrannte. Nach dem Brand plante das bayerische Kultusministerium ein neues Ausstellungsgebäude als Ersatz für den Glaspalast, diesmal aus Stein.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde der Architekt Paul Ludwig Troost mit dem Bau eines "Hauses der Deutschen Kunst" beauftragt. Troost war bis dahin vor allem für seine Ausstattung der Luxusdampfer der norddeutschen Lloyds bekannt. Das Gebäude, das er entwarf, war in gewisser Weise eine Antithese zum Glaspalast: Ein säulengeschmückter neoklassischer Tempel für Kunst, der hinter seiner Naturstein-Fassade eine moderne Stahlskelett-Konstruktion und eine innovative Haustechnik verbirgt.

Nach seiner Eröffnung 1937 war das Haus der Deutschen Kunst ein Instrument für die Propaganda der Nationalsozialisten und die Zurschaustellung ihrer Kulturpolitik. Von 1937 bis 1944 wurde jährlich die Große Deutsche Kunstausstellung veranstaltet - Verkaufsausstellungen, die man als die wichtigsten Ausstellungen für "echte deutsche Kunst" betrachtete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Haus der Kunst seinen jetzigen Namen und suchte wie der Großteil der Kultur in Deutschland Anschluss an die internationale Moderne. Unter dem Oberbegriff der Umerziehung veranstaltete es Ausstellungen wie "Altdeutsche Meister" (mit Werken aus den zerstörten Pinakotheken), "Das Jugendbuch" (das erste internationale Ereignis im Nachkriegsdeutschland) und "Französische Malerei vom Impressionismus bis zur Gegenwart". Ein Meilenstein war die Pablo-Picasso-Retrospektive von 1955, wo "Guernica" gezeigt wurde, eine Ikone antifaschistischer und moderner Kunst. Im selben Jahr eröffnete Arnold Bodes documenta 1 in Kassel. Die Verbindung zur internationalen Moderne wurde hergestellt, indem man Künstler aus der Femeschau "Entartete Kunst" zeigte, die 1937 in Gehweite vom Haus der Kunst in den Hofgarten-Galerien stattgefunden hatte.

1992 wurde das Haus der Kunst in die Rechtsform "Stiftung Haus der Kunst München, gemeinnützige Betriebsgesellschaft mbH" überführt. Sie basiert auf einem Modell öffentlicher und privater Förderung. Christoph Vitali wurde 1993 der erste Direktor. Bis dahin war die Option, das Haus der Kunst als Relikt des "dritten Reichs" abzureißen, noch offen geblieben. Vitali selbst war jedoch überzeugt, dass "Mauern keine Schuld tragen". Sein erstes Projekt, "Elan vital. Das Auge des Eros" war exemplarisch für ein Programm, das die Kunst der klassischen Moderne in den Mittelpunkt rückte und zugleich ausgewählte Positionen der Gegenwartskunst berücksichtigte. Das Engagement für zeitgenössische Kunst wurde von Vitalis Nachfolger Chris Dercon noch stärker betont. Sein Programm stand unter der Prämisse, dass die Architektur des Gebäudes eine kongeniale Umgebung für zeitgenössische Kunst darstellt. Diese Überzeugung teilte er mit den Künstlern, die er zu Ausstellungen im Haus der Kunst einlud. Rem Kohlhaas hat das Haus der Kunst in mehreren Publikationen und Vorträgen als "Aura-Maschine" bezeichnet.

Das Nachdenken über den komplexen und komplizierten historischen Prozess, der das Haus der Kunst in seiner heutigen Form hervorgebracht hat, hat mit der Öffnung der historischen Archive und dem "kritischen Rückbau" des Hauses unter Okwui Enwezors Vorgänger Chris Dercon begonnen; es setzt sich bis in die Gegenwart fort. Die Befragung von Architektur und Erbe des Hauses wird eine dramatische Neuorientierung erfahren, wenn im Sommer 2012 eine umfassende Ausstellung von Archivmaterial stattfindet, und Anfang 2013 schließlich eine Dauerausstellung dieser Dokumente eingerichtet wird.

2012 begeht das Haus der Kunst mit "75/20" einen doppelten Jahrestag, der die wichtigen Veränderungen beleuchtet, aus denen sich das heutige Ausstellungshaus entwickelt hat. Von Vitalis "Elan vital" bis Dercons "kritischem Rückbau" wird das 75/20-Jubiläum die Gelegenheit bieten, das Haus der Kunst als das, was Okwui Enwezor ein "reflexives Museum" nennt, kennen zu lernen.

"Ich bin ebenso wie meine Vorgänger Christoph Vitali und Chris Dercon der Überzeugung, dass wir dieses Material nicht nur unbedingt zeigen müssen: Vielmehr müssen wir es in einen Zusammenhang stellen, wir müssen uns bemühen, es zu de-fetischisieren, wir müssen uns bemühen, es zu entmystifizieren." (Okwui Enwezor)

Die Präsentation des Archivs innerhalb einer größeren Ausstellung wird sich im Rahmen des Wechselspiels zwischen Tradition und Avantgarde mit den - in Enwezors Worten - "historischen Ereignissen im Konflikt" befassen. Eines der Kernstücke der Ausstellung "75/20" (10. Juni 2012 -01. 2013) werden die Großen Kunstausstellungen sein, jährliche Ausstellungen, die bis heute im Haus der Kunst stattfinden, und die aus den 1948 gegründeten Münchner Künstlerverbänden hervorgegangen sind. Die Archive des Haus der Kunst und der Münchner Künstlerverbände werden hier als Teil der Nachkriegsgeschichte des Hauses zusammengeführt.

Weiterhin wird "75/20" auch Werke umfassen, die 1937 in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt worden waren, und im Kontrast dazu Arbeiten aus den Großen Deutschen Kunstausstellungen.

 

 

17.02. 2012 - 20.05. 2012

Thomas Ruff

Vorbesichtigung für Presse am Donnerstag, 16. Februar 2012, 11 Uhr

In dieser ersten umfassenden Präsentation nach über zehn Jahren zeigt Thomas Ruff die Werkgruppen, die ihn international bekannt gemacht haben. In chronologischer Abfolge vollzieht die Ausstellung Ruffs künstlerische Entwicklung nach: von seiner ersten, 1979 begonnenen Serie deutscher 'Interieurs' über die 'Porträts', 'Häuser' und 'Sterne' zu den Werkgruppen der 90er-Jahre, wie 'Zeitungsfotos', 'Nächte', 'Plakate' und 'andere Porträts'. Der Bogen reicht von 'l.m.v.d.r.' und 'nudes' über 'Maschinen', 'Substrat', 'Zycles', 'jpeg' und 'cassini' bis hin zur Gegenwart, den 2011 begonnenen topografischen Aufnahmen vom Mars ('ma.r.s.'). Material zur Rezeption des Werkes und zu den Quellen, die Thomas Ruff inspiriert haben, ist erstmalig Teil der Präsentation und ihrer Vermittlung. Es öffnet den Zugang zu Ruffs konzeptueller Befragung der verschiedenen Gebrauchsweisen und Formen der Fotografie.

Thomas Ruff, 1958 in Zell am Harmersbach (Schwarzwald) geboren, studierte bei Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die Serie der 'Interieurs' entstand noch zu Studienzeiten. Die meisten Bilder dieser Werkgruppe sind im Schwarzwald aufgenommen, in den Wohnungen von Verwandten und von Eltern ehemaliger Klassenkameraden. Thomas Ruffs innere Haltung gegenüber diesen Räumen ist ambivalent: Sie sind für ihn "der Inbegriff von Spießbürgerlichkeit", der er entkommen war, und geben ihm gleichzeitig das Gefühl der Zugehörigkeit bzw. stehen für einen sentimentalen Blick auf die Umgebung seiner Kindheit. In den 'Interieurs' sind Raumdetails sachlich und distanziert wiedergegeben, wobei sich durch die Wahl des Bildausschnitts Charakter und Stimmung des jeweiligen Raums essenzartig verdichten. Die in den frühen 80er-Jahren beginnenden Renovierungen dieser Wohnungen beendeten die Serie.

Während der Studienzeit von Thomas Ruff dominierten Minimal Art, Konzeptkunst und wilde Malerei. Das Porträt als Gattung war so gut wie nicht existent. Gerade das brachte Ruff auf die Frage, wie eine zeitgemäße formale Lösung hierfür aussehen könnte. Zwischen 1981 und 1985 fotografierte er in seinem Atelier 60 Brustbilder nach dem gleichen Schema: Passbildausschnitt, oberer Bildrand knapp über dem Haar, gleichmäßige Ausleuchtung, die Porträtierten zwischen 25 und 35 Jahre alt, aufgenommen mit einer Negativgröße von 9 x 12 cm, durch die Verwendung von Blitz ohne jede Bewegungsunschärfe. Der Porträtierte konnte aus einem Stapel von farbigem Kartonpapier eine Farbe wählen, die ihm als Hintergrund diente. Die nüchterne Präsenz der Gesichter und die Bildauffassung der gesamten Serie widersprach der herkömmlichen Annahme, dass ein gelungenes Porträt eine psychologisierende Deutung anbieten sollte. Doch ist die sachliche und minutiöse Darstellung der Oberfläche eines Gesichts gleichzeitig der Hinweis darauf, dass dahinter eine fremde, unzugängliche Welt beginnt, die in einem Porträt einzufangen Thomas Ruff für unmöglich hält: "Ein Porträt geht nicht einen Millimeter unter die Haut, und ein einzelnes Foto sagt noch nichts über die Persönlichkeit des Porträtierten aus." Aus diesem Grund verzichtet er bei den Titeln auf Angabe von Name, Alter oder Beruf.

1986 beschloss Thomas Ruff, einige dieser Porträts auch im Format 210 x 165 cm auszuführen. Da er hier die Wirkung der Farbe zu dominant fand, wählte er für die 1986 bis 1991 aufgenommenen Porträts nun einen hellen, neutralen Hintergrund. Mit den Porträts erzielte er in den Jahren 1986 bis 1989 durch Einzelausstellungen in verschiedenen Galerien große Aufmerksamkeit. Seine internationale Bekanntheit wurde durch Teilnahme an der documenta IX, 1992 und die Präsentation im deutschen Pavillon der 46. Biennale di Venezia 1995 gefestigt.

Ebenso wie sein Lehrer Bernd Becher ist Thomas Ruff davon überzeugt, dass man das Medium, das man benutzt, im Bild mitreflektieren sollte. Entsprechend geben die Porträts darüber Auskunft, wie sie entstanden sind: Die für die Ausleuchtung genutzten Lichter spiegeln sich in den Pupillen des Porträtierten.

Von 1987 bis 1991 entstand die Bildgruppe 'Häuser', ebenso wie die 'Porträts' mit konsequent gleichbleibender Bildgestaltung: frontal, mit nur minimalem Vordergrund wie einem schmalen Band Straße oder Rasen, fast vollständig abwesendem Mittelgrund und darüber einem grauen, neutralen Himmel. Das Projekt ist als lapidarer Blick auf die Umgebung gemeint, der nichts überhöht, sondern lediglich zeigt.

Ohne eine Anklage zu formulieren stellt der Blick von Thomas Ruff auf diese Fassaden das Scheitern der Architektur-Utopie der 60er-Jahre fest. Herzog & de Meuron wurden bald auf diese Form der Architekturfotografie aufmerksam und luden ihn ein, für ihren Auftritt bei der Architekturbiennale Venedig 1991 eine Fotografie ihres Gebäudes für Ricola beizutragen. Zu den Fotografien der Häuser von Ludwig Mies van der Rohe wurde Thomas Ruff von Ausstellungsmachern angeregt (l.m.v.d.r, 1999-2001).

Für die Serie 'Sterne' (1989-92) eignete sich Thomas Ruff Fremdmaterial an. Er erwarb vom European Southern Observatory in den Anden Negative von Teleskopaufnahmen des südlichen Sternenhimmels, stellte daraus Detailausschnitte her und vergrößerte sie auf das Hochformat von 260 x 188 cm. Ihn faszinierte die Vorstellung, dass das Licht eines bestimmten Sterns womöglich erst nach dessen Erlöschen die Erde erreicht, dass Astrofotografie also viele Ebenen von Vergangenheit in einem einzigen Bild festhält.

Die in grünliches Licht getauchten 'Nächte' (1992-96) zeigen Hinterhöfe und Straßen in Düsseldorf und Umgebung, die anmuten wie Orte eines potentiellen Verbrechens. Sie wurden von einer Kamera mit einem Restlichtverstärker aufgenommen, ähnlich dem Nachtsichtgerät, das für militärische Zwecke erfunden wurde. Die Ästhetik der Serie zitiert die von den Medien übermittelten Bilder des Zweiten Golfkriegs von 1990/91. Diese Bilder verwandelten den westlichen Fernsehkonsumenten damals in eine Art Komplizen und Voyeur, der mitsehen konnte, ohne gesehen zu werden.

Thomas Ruff arbeitet mit vorgefundenem Material wie Zeitungsbildern oder Comics (für 'Substrat', seit 2001), nutzte einen Apparat wie die Minolta-Montage-Unit, die in den 70er-Jahren bei Landeskriminalämtern für die Herstellung von Phantombildern in Gebrauch war (für 'andere Porträts', 1994-95), experimentiert mit Pixelverkleinerungen und Pixelvergrößerungen (bei 'nudes' und 'jpeg') und zitiert eine anachronistisch wirkende Ästhetik wie die Collagetechnik (bei 'Plakate'). All das belegt, wie intensiv er sich mit möglichen Auswegen aus den Konzepten der traditionellen Kamerafotografie beschäftigt. Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass er seit einiger Zeit mit Bildern arbeitet, die von Sonden, Teleskopen und Robotern aufgenommen wurden. Mit 'cassini', den Aufnahmen von Saturn und seinen Ringen, stellt er die Frage, inwieweit Maschinen schöne Bilder herstellen können und räumt ein: "Ich muss gestehen, ich hätte diese Bilder gerne selber gemacht, nur wäre das eine sehr lange Reise geworden, und ohne Rückkehr." (Thomas Ruff im Film von Ralph Goertz, IKS 2011)

Seine jüngste Serie übersetzt topografische Aufnahmen vom Mars in Bilder fragiler Schönheit. Die Fotos stammen von der Website der NASA und wurden von der Kamera in einem Satelliten gemacht, in senkrechtem Winkel zur Oberfläche des Mars. Durch nachträgliches Kolorieren und Anpassen des Winkels an eine menschliche "Pseudoschrägansicht" werden sie zu einer virtuellen Vorwegnahme eines Besuches auf dem Mars.

Thomas Ruff hat Fotografie kürzlich als "die größte Bewusstseinsveränderungsmaschine, die auf den Menschen einwirkt" bezeichnet; die Präsenz und Beschaffenheit von Fotos in Zeitungen, Magazinen, in Film und Fernsehen habe sich durch den technologischen Schub der letzten Jahrzehnte stark verändert, und die Möglichkeit zu manipulieren habe ständig zugenommen. In über drei Jahrzehnten hat Thomas Ruff sich mit dieser Entwicklung auseinander gesetzt und seine eigene Arbeitsweise ständig variiert. Er hat den Schritt von analoger zu digitaler Bildproduktion vollzogen, und vor allem die Durchmischung von beidem in ihren unterschiedlichen Möglichkeiten ausgelotet. Von Anfang an war seine Herangehensweise konzeptuell: Er untersucht Genres, Motivwelten und Techniken mit exemplarischem Charakter, und jede Serie bringt neben dem eigenen Sujet auch ihre eigene Technik hervor. In der Summe verbindet die sich über drei Jahrzehnte erstreckende Arbeit von Thomas Ruff Analyse und Sehlust in einer einzigartigen Form.

Die Ausstellung wird von Thomas Weski, Berlin, gastkuratiert. Der Katalog mit Texten von Okwui Enwezor und Thomas Weski erscheint im Schirmer/Mosel Verlag, München; ISBN 978-3-82960585-4, dt./engl., Hardcover, Buchhandelspreis ¤ 58.

Künstlergespräch mit Thomas Ruff und Okwui Enwezor am Dienstag,
13. März 2012, 19 Uhr

Vortrag von Thomas Weski "Der wissenschaftliche Künstler" am Donnerstag, 26. April 2012, 19 Uhr

 

 

 

 

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